Archiv | Juni 2014

Mahnwächter werden übergriffig

Bericht zur 2. Wormser Mahnwache am 16.6.2014

Es wurde bereits in einem anderen Bericht (https://linksunten.indymedia.org/de/node/116717) über die Mahnwache als „Plattform rechter Verschwörungstheoretiker“ geschrieben. Die darin geäußerte Hoffnung, dass die Mahnwache sich von bizarren Verschwörungstheorien und rechtem Gedankengut distanziert, ist bisher nicht passiert und scheint auch nicht gewollt.

Die Veranstaltung wurde kreativ-kritisch begleitet von einem „Bullshit-Bingo“ einiger junger Leute, welches für verschwörungstheoretische, rechtsaußen Veranstaltungen gedacht ist.

Anfang und Ende der Mahnwache machte „Liederpoet“ Helmut Wingerter mit seiner Gitarre. Neben pauschalen Gesellschaftserklärungen von „die da oben“ und „wir da unten“ gab es auch interessante Feel-Good Vorschläge, einfach mal Steine nach ihrer Meinung zu fragen.

Dann hatte „Stefan“ seinen Auftritt. Nach den, bei den Wormser Mahnwachen üblichen, Aussagen dass alle Massenmedien lügen und nicht objektiv berichten (so wird ja auch die hiesige Mahnwache böswillig ignoriert) ging es zum Thema Demographie.
So werden zum Thema Rentenkasse fälschlicherweise Rentner und Arbeiter gegenübergestellt und die beiden Gruppen gegeneinander ausgespielt, um die private Vorsorge zu propagieren. Zum Nutzen für die „Finanz- und Versicherungsindustrie“. Hauptproblem ist für ihn der Kindermangel!
Dass die Rentenkasse ausgedünnt wird aufgrund von sich ausbreitenden Niedriglöhnen, sowie eine Erhöhung des Rentenbeitragsatz seitens der Arbeitgeber unerwünscht ist und somit eine Verteilungsfrage, wird nicht erwähnt.

Ein besonderes Highlight von ihm war ein Verweis auf ein Interview von Ken Jebsen auf KenFM mit dem CDU-ler Willy Wimmer zur Ukrainegefahr. KenFm war die Radiosendung von Ken Jebsen, bevor er nach Antisemitismus-Vorwürfen („Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat“ Zitat Jebsen) vom RBB rausgeworfen wurde und nun mit eigener Sendung und im Magazin Compact, dem eine Scharnierfunktion zwischen Rechtskonservativen und extremer Rechte bescheinigt wird, seine kruden Ansichten verbreitet.
Wer mal die genannten Quellen anschaut, weiß sofort wer der Böse ist: Im fraglichen Interview wird im ersten Satz von Jebsen „der Westen“ als gesteuert von den USA genannt. Auch wird Merkel als von Washington gesteuert dargestellt, und Russland finanziell erdrückt. Wimmer bringt an dass Japan von den USA in den zweiten Weltkrieg getrieben wurde (man erinnere sich an die Aussage der ersten Mahnwache, Nazi-Deutschland wurde von Geheimdiensten in den 2. WK getrieben). Jebsen bringt zum Schluss noch die Aussage, Deutschland ist nicht souverän. Ein Chiffre für den bei Nazikreisen beliebten Mythos des immer noch von Allierten besetzten Deutschlands.

Was die Mahnwächter von den so sehnlich herbeigeredeten kritischen Medien halten, wurde deutlich als ein Fotograf die Mahnwache dokumentieren wollte. Schnell setzten sich zwei Teilnehmer in Bewegung und drängten ihn ab. Nach Drohungen, sie dürfen nicht fotografieren (was bei öffentlichen Aufzügen klar erlaubt ist) kam die Aussage „ich hau dir in die Fresse“, sowie der Versuch, mit Schlägen die Kamera zu zerstören. Hilferufe ignorierte die Mahnwache, glücklicherweise kamen die jungen Kritiker zu Hilfe.

Beim offenen Mikro musste Johannes vom letzten Mal wieder ran und stellte das Vorgehen des ukrainischen Präsidenten Poroschenko gegen die Kämpfer in der Ostukraine Genozid, mit extra gesprengten Schulen, toten Kindern, usw. da. Beleg: Ganz deutlich zu sehen in Youtube.
Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass es gut tut, wenn alle mehrmals ganz laut „Wir sind das Medium!“ rufen.
Schlussredner war ein älterer Herr, der nach persönlichen Telefonaten wusste, dass es ganz schlimm sei in der Ukraine und die Medien (wieder mal) infiltriert waren.

Zum Ende hin kam dann die Aufforderung, dass jeder Teilnehmer 2 neue mitbringen soll (ganz nach dem Schneeballsystem), um mehr zu werden, da man wohl merkt, dass das Interesse sich stark in Grenzen hält.

Am Schluss kam wieder die Distanzierung, dass die AFD Flyer, die wieder unter dem Beisein von AFD Chef Matthias Lehman verteilt wurden, wieder nichts mit der Mahnwache zu tun haben.

Nach der heutigen Mahnwache ist keine inhaltliche Veränderung bei den Mahnwächtern abzusehen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Wormser Mahnwache dem Bundestrend anschließt und mit sinkenden Teilnehmerzahlen in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Allerdings hat der heutige Übergriff offenbart, was von den Forderungen nach Frieden zu halten ist und gezeigt, das für die Mahnwächter Gewalt durchaus akzeptabel ist.

Braune Untertöne bei Wormser Montagsmahnwache

(Entnommen von https://linksunten.indymedia.org/de/node/116717)

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne – und jede Menge braune Untertöne

Erste Montagsmahnwache in Worms hält was sie verspricht.

Kriegstreiber, Medienlüge und Finanzbetrug stoppen, zu diesen Punkten fand am Montag den 9.06.2014 die erste „Mahnwache“ in Worms statt. Im Vorfeld war die Veranstaltung insbesondere von den Rechtspopulisten der „Alternative für Deutschland“ beworben worden und dort wurden auch Flugblätter der AfD verteilt.

Bereits im Vorfeld gab es Diskussionen über den verschwörungstheoretischen Charakter der Veranstaltung. Was dann am Montag folgte waren teilweise Belanglosigkeiten wie eine längere Ausführung zu der These „Die Bank ist nicht dein Freund“ da diese tatsächlich nicht vorhandenes Geld verleihen würde um damit, man höre und staune, auch noch Gewinne zu machen.

Gefolgt von üblichen verschwörungstheoretischen Behauptungen wie, dass die Amerikaner hinter den Anschlägen auf das „World Trade Center“ stecken um einen Kriegsgrund gegen Afghanistan zu besitzen, wurde nebenbei erwähnt, dass der Auslöser des 2. Weltkrieg kein Überfall einer faschistischen Diktatur auf umliegende Staaten war, sondern dieser genauso wie der 1. Weltkrieg auf Provokationen von Geheimdiensten zurückzuführen sei, laut dem Redner „Paul“.

In einem Flugblatt, das bei der Veranstaltung verteilt wurde heißt es: „Wir haben am 2. WK nicht teilgenommen, um ca. 25% Steuern an die Besatzungsmächte zu bezahlen“ – da drängt sich natürlich die Frage auf: wofür haben „wir“ denn eigentlich „teilgenommen“? So wird im gleichen Wortlaut behauptet, dass das deutsche Volk seit 70 Jahren besetzt wird.

Wirklich zur Sache ging es dann in den Gesprächen nach der eigentlichen Mahnwache. So war es äußerst schwierig unter den diskutierenden Menschen, welche zu finden die den Holocaust nicht abstritten oder zumindest meinten man wisse letztendlich nicht ob er stattgefunden habe. Gerade auf die Frage nach der deutschen Geschichte und ob das mit den Geheimdienstprovokationen als Auslöser für den zweiten Weltkrieg wirklich so gemeint war, folgten immer wieder die selben Phrasen wie „ich habe damals nicht gelebt und habe es satt mich als Deutscher immer dafür zu rechtfertigen“.

Besonders beim Thema Ukraine kam die plumpe Anti-Amerika Haltung zum Vorschein. So wurde zu Russland von „einwandfreien Referenden“ und ignorierten objektiven russischen Berichten geredet. Für die USA gab es nur Ausführungen wie „Putschregierung“, CIA-Agenten und die Demonstranten auf dem Maidan waren alles bezahlte Söldner. Garniert wurde das mit Ausdrücken wie „Unser Blut wird fließen“, „Wir erwachen aus unserem Schlaf“ und weiteren.

Bei den Massenmedien sind sich die Mahnwächter nicht so sicher, einerseits lügen sie alle (!) . Andererseits werden Youtube-Videos als zuverlässige Informationsquelle genannt, aber gleichzeitig vor der bösen Youtube-Propaganda gewarnt.

Insgesamt wirkte die Veranstaltung irgendwie wie eine Mischung aus NPD Stammtisch trifft Scientology.

Vor diesem Hintergrund wird erneut deutlich, wie schwierig die Einschätzung der Montagsmahnwachen oft ist. In einigen Städten wurde mittlerweile eine klare Trennlinie zu bizarren Verschwörungstheorien und rechtem Gedankengut vollzogen, sodass eine pauschale Bewertung der Bewegung schwierig ist.

Da es sich in Worms um die erste Veranstaltung dieser Art handelte bleibt abzuwarten, in welche Richtung die weitere Entwicklung der „Montagsmahnwachen“ geht. Schafft es diese Bewegung sich wie auch in anderen Städten zu einer „Friedensbewegung“ zu emanzipieren oder bleibt sie das, was sie zumindest in Worms momentan zu sein scheint: eine Plattform für rechte Verschwörungstheoretiker.

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